Was meinen die Verlage, wenn sie von Normseiten sprechen?

Die Normseite wurde 1982 vom Verband deutschsprachiger Übersetzer und dem Verleger-Ausschuss im Börsenverein des deutschen Buchhandels vereinbart, um eine einheitliche Abrechnungsgrundlage für Honorare zu schaffen. Innerhalb weniger Jahre setzte sie sich dann als Bemessungsgrundlage auch in anderen Bereichen des Verlagswesens durch.

Seit damals besteht eine Normseite aus 30 Zeilen à 60 Zeichen. Leerzeichen, unvollständige Zeilen und Leerzeilen werden mitgezählt; auf eine Silbentrennung wird verzichtet. Ebenfalls verzichtet werden sollte auf Blocksatz, der sich durch die fehlende Silbentrennung sehr schlecht lesen ließe.

Die theoretisch mögliche Zahl von 1800 Zeichen pro Seite wird deshalb nie erreicht. Tatsächlich sind es deutlich weniger. Vor allem Dialoge können den Durchschnitt erheblich senken. Nach 1300 Zeichen ist da manchmal bereits das Seitenende erreicht.

Möchte man einen nicht als Normseite formatierten Text überschlagsmäßig umrechnen und geht von durchschnittlich 1650 Zeichen pro Normseite aus, liegt das Ergebnis meistens nicht allzu weit von der tatsächlichen Normseitenzahl entfernt. Die genaue Zahl erhält man allerdings immer nur durch ein Umformatieren des Manuskriptes.

Die meisten Schriften sind für Normseiten ungeeignet.

Damit die Zeilen tatsächlich nicht mehr als 60 Zeichen lang werden, dürfen keine sogenannten proportionalen Schriften verwendet werden. In Proportionalschriften beanspruchen Buchstaben wie das „i“, „l“ oder „j“ nur sehr wenig Platz, Buchstaben wie das „m“, „w“, „W“ oder „M“ dagegen sehr viel.

Verwendung finden hier vielmehr sogenannte nichtproportionale oder Schreibmaschinenschriften, bei denen sämtliche Buchstaben und Interpunktionszeichen den gleichen Raum belegen.

Zu den Sreibmaschinenschriften gehören unter anderem Courier, Courier New, Lucida Sans Typewriter, Lucida Console, Bitstream Vera Sans Mono, DejaVu Sans Mono und Liberation Mono.

Nicht zu diesen Schriften gehört dagegen die Arial, die trotzdem häufig in Anleitungen empfohlen wird. Wer im Zusammenhang mit Normseiten Arial empfiehlt, hat jedoch entweder den Sinn von Normseiten nicht verstanden oder die Ergebnisse seiner Empfehlung niemals überprüft. Das folgende Bild demonstriert den Unterschied zwischen nichtproportionalen und proportionalen Schriften am Beispiel der Buchstaben „i“ und „m“. Benötigt das “i“ nur wenig Platz, verlangt das „m“ besonders viel Raum.

Vergleich von „immer im“ in Garamond, Arial und Courier

In einer proportionalen Schrift wie Arial verbraucht das „m“ annähernd dreimal so viel Platz wie das „i“. In der nichtproportionalen Courier nehmen dagegen beide Buchstaben gleich viel Raum ein.

Um die Zeilenlänge auf 60 Anschläge zu begrenzen, müssen die seitlichen Seitenränder entsprechend verringert werden.

Für die oben genannten Schreibmaschinenschriften empfiehlt sich bei einer Schriftgröße von 12 Punkt eine Gesamtbreite der Seitenränder von 62 mm. Eingestellt wird sie in den meisten Textverarbeitungsprogrammen unter Datei → Seiteneinstellungen oder Format → Seiteneinstellungen. Ein Nachzählen der Zeichenzahl ist aber empfehlenswert.

Um den Lektoren mehr Raum für Anmerkungen und Korrekturen zu bieten, werden die Seitenränder meistens unterschiedlich breit angelegt. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind, empfiehlt sich der breiterere Rand an der rechten Seite, also z.B. links 25 mm und rechts 37 mm.

Auch wenn für Anmerkungen und Korrekturen die Seitenränder vorgesehen sind, werden Manuskripte nie mit einzeiligem Zeilenabstand geschrieben. Üblich ist für Normseiten vielmehr ein Abstand von anderthalb Zeilen.

Die notwendige Höhe des oberen und unteren Seitenrandes lässt sich am schnellsten einstellen, indem Sie vorübergehend die Zeilennumerierung aktivieren:

Jetzt lässt sich ganz bequem ausprobieren, wie breit der obere und untere Seitenrand sein müssen, damit 30 Zeilen auf eine Seite passen. Haben Sie die richtige Einstellung gefunden, schalten Sie die Numerierung bitte wieder ab.

Normseitenvorlagen aus dem Internet.

Ist Ihnen die Einstellerei zu aufwendig, können Sie auch auf bereits vorhandene Vorlagen zurückgreifen. Sowohl für Open Office als auch Microsoft Word finden sich im Internet Formatvorlagen, die nur noch Heruntergeladen und Installiert zu werden brauchen:

Beim Schreiben werden zwischen den Absätzen grundsätzlich keine Leerzeilen eingefügt. Eine Ausnahme bilden zusammenhängende logische Einheiten. Wechselt beispielsweise der Handlungsort oder die Zeit, werden diese Wechsel häufig durch eine Leerzeile auch optisch kenntlich gemacht.

Normseiten sind nichts für Buchveröffentlichungen.

Weil es immer wieder Missverständnisse gibt, sei abschließend noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Normseiten nicht für Bücher gedacht sind, die im Do-it-yourself bei einem Book-on-Demand-Dienstleister veröffentlicht werden sollen. Diese müssen so formatiert werden, wie später die Bücher aussehen sollen. Mit Normseiten müssen sich nur Autoren befassen, die ihre Manuskripte an Verlage einsenden wollen.