Wohin mit den vielen Leichen?

Kennen Sie auch das Problem: Wohin mit den vielen Leichen? Im Keller beginnen sie bald zu stinken und für eine weitere Tiefkühltruhe ist in der Wohnung kein Platz mehr. Als Krimiautor hat man es schwer. Nicht nur, dass einem ständig neue Ideen für den perfekten Mord einfallen müssen, danach darf man sich auch noch um die Beseitigung der Leichen kümmern.

Sie meinen, obiger Text sei völliger Blödsinn? Oder gar noch schlimmer: Er sei geschmacklos?

Dann schauen Sie sich mal in den diversen Foren für Autoren und angehende Autoren um:

Sie möchte ein Buch über „Abnehmen ohne zu hungern“ schreiben, obwohl Sie essen können, was Sie möchten und trotzdem spindeldürr bleiben. Kaum haben Sie Ihre Idee vorgestellt, taucht die Frage auf, ob Sie als nicht Betroffener dazu überhaupt kompetent genug seien.

Also entscheiden Sie sich kurz entschlossen um und schreiben einen Band mit Erotik-Geschichten. Die ersten Reaktionen lassen auch diesmal nicht lange auf sich warten. Dass Sie diese Geschichten so oder ähnlich selbst erlebt haben, gilt schon fast als selbstverständlich.

Um ein Thema nicht nur sachlich richtig, sondern auch emotional packend präsentieren zu können, bedürfe es einschlägiger persönlicher Erfahrungen. So eine häufig zu lesende und hörende Argumentation.

Sie möchten einen Thriller über einen Serienmörder schreiben? Warum nicht? Nur müssten Sie sich nach dieser Argumentation durch eigene Erfahrungen in die Psyche eines solchen Menschen hineinversetzen können …

… und schon benötigen Sie ein oder zwei Tiefkühltruhen.

Zum Glück sind diejenigen, die eigene Erfahrungen für ein gelungenes Buch für unverzichtbar halten, sehr flexibel. Eigene Erfahrungen sind nicht immer notwendig, sondern nur in bestimmten Fällen. Doch in welchen? Leider hilft diese Flexibilität einem als Autor nicht wirklich weiter.

Natürlich können eigene Erfahrungen sehr hilfreich sein, um einen Stoff überzeugend zu gestalten – aber sie können sich ebenso als Hindernis erweisen. Als Betroffener ist jeder Mensch vor allem eines: Parteiisch. Für neue Sichtweisen ist das nicht immer förderlich.

Das spricht nicht gegen Betroffenenberichte. Diese können und dürfen einseitig sein, weil sie aus der Sicht von Betroffenen geschrieben wurden. „Mein Weg aus der Sucht“ kann und darf einseitig sein, weil er meinen Weg aus der Abhängigkeit beschreibt.

Ein Fachbuch über Drogenabhängigkeit darf genau dieses nicht: Parteiisch sein. Deshalb ist es nicht schlechter. Es ist anders und spricht vermutlich ein anderes Publikum an.

Recherchieren hilft peinliche Fehler vermeiden.

Wichtiger als eigene Erfahrungen sind Lebenserfahrung und zielgerichtete Recherchen zum Buchthema.

Fachbuchautoren wissen, dass sich ohne gründliches Recherchieren kaum ein Thema abhandeln lässt. Egal, ob es sich um die Varusschlacht im Osnabrücker Land, russische Ikonen des 17. Jahrhunderts oder die Gleichungen von Yang-Mills handelt, am Anfang steht immer die Recherche.

Autoren belletristischer Bücher glauben dagegen häufig, auf Recherchen verzichten zu können. Phantasie und Kreativität reichten angeblich völlig aus.

Doch die Tücke des Objekts steckt auch in der Belletristik häufig im Detail.

Ein klingelndes Handy in einem Anfang der achtziger Jahre spielenden Roman mag zwar in die Handlung passen, aber das als Urvater des Handys geltende Motorola Dynatac 8000 X kam erst 1983 auf den Markt. Und als 1670 Kurfürst Johann Georg III. und Anna Sophie von Dänemark und Norwegen die Geburt ihres Sohnes August – später als August der Stark gleichermaßen geliebt wie gefürchtet – feierten, stießen sie garantiert nicht mit einem Glas Champagner an. Ebenso peinlich wäre es, im Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 das österreichische Heer mit Hinterladern schießen zu lassen.

Ohne Recherche kommen auch Belletristik-Autoren nicht aus – es sei denn, sie setzen darauf, dass die meisten Leser solche Fehler vermutlich gar nicht bemerken werden.