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Deutschland

Die Höhlenwohnungen von Langenstein.

Nach Jahrzehnten des Vergessens werden sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Wenn das zuständige Arbeitsamt in Halberstadt die beantragte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bewilligt, soll noch in diesem Sommer begonnen werden, die erste Höhlenwohnung wieder originalgetreu mit Mobiliar auszustatten. Bei manchen alten Langensteiner, hoffen die Initiatoren des Projekts, dürfte in Kellern und auf Dachböden noch vieles lagern, was das Vorhaben erleichtert. Anderes wird anhand alter Abbildungen nachgebaut werden müssen. Neu errichtet werden sollen die eingestürzten und abgetragenen Essen über den Rauchabzugsöffnungen in den Decken.

Noch Anfang dieses Jahrhunderts waren die meisten Höhlenwohnungen bewohnt. Doch dann durften sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu Wohnzwecken genutzt werden. Einige begannen zu verfallen, andere dienten fortan als Lagerräume und Stallungen. 1916 zog schließlich ihr letzter Bewohner aus. Gegen ein kleines Trinkgeld zeigte Karl Rindert seine ehemalige Wohnung aber auch weiterhin gerne neugierigen Halberstädter Sonntagsausflüglern. Doch 1917 war Schluß. Nach dem Tode Karl Rinderts gerieten die Höhlenwohnungen zunehmend in Vergessenheit, bis sie in den zwanziger Jahren noch einmal für kurze Zeit als Touristenattraktion entdeckt und hergerichtet wurden. Viel Geld ließ sich mit ihnen aber anscheinend nicht verdienen, denn schnell dienten sie erneut und nun für viele Jahrzehnte nur noch als Vorratskeller und Stallungen beziehungsweise für sechs Jahre auch als Luftschutzkeller.

Höhlenwohnungen bein Langenstein
Höhlenwohnungen bei Langenstein

Bald waren die einzigen Höhlenwohnungen Deutschlands weitgehend vergessen. Ein Mitte der achtziger Jahre in der DDR erschienener Wanderführer „Langenstein“ widmete ihnen gerade noch eine gute halbe von 36 Seiten. Überregionalen Reiseführern waren sie überwiegend nicht einmal mehr eine kurze Notiz wert.

Wann die ersten Höhlen in die Sandsteinfelsen des Langen Steins zwischen Halberstadt und Blankenburg geschlagen wurden, dürfte für immer im Dunkeln der Geschichte verborgen bleiben. Manche Heimatforscher datieren sie auf germanische Zeit, andere bringen sie mit dem Bau der Altenburg im 12. Jahrhundert in Verbindung. In ständiger Fehde mit Herzog Heinrich dem Löwen liegend, hatte Bischof Ulrich, Vice-Dominus und Probst des Liebfrauenstiftes zu Halberstadt, den Auftrag zum Bau einer Burg auf dem Langen Stein unweit Halberstadts erteilt. 1151 fertiggestellt, diente sie fortan gleichermaßen als Zufluchtsort wie als Sommerresidenz der Halberstädter Bischöfe. Sehr wehrhaft scheint sie allerdings nicht gewesen zu sein. Mehrmals zerstört und wiederaufgebaut, wurde sie nach der Eroberung durch die Schweden 1644 im Jahre 1653 endgültig abgebrochen.

Heute erinnern an die einstige Burg nur noch einige Mauerreste, halb verschüttete Burggräben und vor allem ein nach der Wende im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wieder freigelegter Fahrweg auf die Burg. Deutlich sind im Steinboden die Fahrrillen zu erkennen, in denen einst die Räder der Wagen liefen, mit denen alles Lebensnotwendige auf die Burg befördert wurde. Beiderseits des steilen Fahrweges finden sich zahlreiche in die Sandsteinfelsen geschlagene Höhlen. Die meisten dürften als Unterstände für Wachpersonal und Pferde angelegt worden sein. Nur wenige wurden im 18. und 19. Jahrhundert zu Wohnzwecken ausgebaut.

Allein die Höhlenwohnung von Karl Rindert präsentiert sich Besuchern inzwischen wieder weitgehend in ihrem ursprünglichen baulichen Zustand. Wie die meisten Höhlenwohnungen konnte auch diese mit einer Wohnungstür verschlossen werden. Im Sommer allerdings stand sie meistens offen, da durch das einzige Fenster Licht nur in die Wohnstube fiel. Diese und die Küche waren auch ausreichend hoch, um nicht ständig den Kopf einziehen zu müssen. In gebückter Haltung ging es dagegen in die beiden Schlafräume. Will man Zeitzeugen glauben, waren die Lebensbedingungen in diesen Höhlenwohnungen besser als in manchen städtischen Arbeiterquartieren. Im Winter heizte ein eiserner Ofen den Sandstein auf, der die Wärme wie ein Kachelofen langsam wieder abstrahlte, während im Sommer die Felsen die Höhlenwohnung angenehm kühl hielten.

Weitere Höhlenwohnung bein Langenstein
Weitere Höhlenwohnung bei Langenstein

Noch nicht wiederhergestellt ist die frühere Inneneinrichtung. Dieses Vorhaben ist jedoch erst einmal zurückgestellt worden. Gescheitert sind die Initiatoren nicht am fehlenden Geld, sondern am Vandalismus. Auch auf die Freilegung weiterer Überreste der Burg muß aus gleichem Grund vorerst verzichtet werden. Nur was verborgen in der Erde liege, bedauern sie, bleibe von der Zerstörungswut einiger Mitbürger verschont. Vom Ort her kaum einzusehen, müßte der Komplex ständig bewacht oder durch eine aufwendige Sicherheitsanlage geschützt werden. Dafür aber fehlt der Gemeinde das Geld. Immerhin sollen in der nächsten Zeit aber einige stabile Stelltafeln mit Informationen über die Burg und die Höhlenwohnungen aufgestellt werden. Ermöglicht wird dieses Vorhaben durch ein vom Land Sachsen-Anhalt gefördertes Forschungsprojekt an der Oberschule in Ströbeck.

Deutlich jüngeren Alters als die Höhlenwohnungen an der Altenburg sind die Höhlenwohnungen auf dem Schäferberg. 1855 hatte Wilhelm Rimpau, der „Vater der systematischen Getreidezucht“, das einstige Schloß und Gut der Freifrau von Branconi erworben. Marie Antonia Pessina von Branconi, einst Meträsse des Erbprinzen Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, hatte ihrerseits von ihrer herzoglichen Abfindung über 100 00  Thaler in Gold 1776 das Rittergut Langenstein erworben. Da das alte Gutshaus nicht ihren Vorstellungen, ließ sie es abreißen und an seiner Stelle das heute als Rehabilitationsstätte für behinderte Jugendliche dienende Schloß errichten. Den das Schloß umgebenden Gutspark gestaltete allerdings erst die Familie Rimpau im Stile eines Landschaftspark um. Bis heute gilt er als die schönste Anlage seiner Art im Harzvorland, auch wenn er nach der Wende teilweise stilwidrig mit Kiefern bepflanzt wurde. Doch nicht Schloß und Park machten die Freifrau von Branconi berühmt, sondern ihre Bekanntschaft mit Johann Wolfgang von Goethe, der sie 1783 und 1784 auf dem Gut Langenstein besuchte und wie andere männliche Zeitgenossen wiederholt ihre Schönheit, Klugheit und Liebenswürdigkeit rühmte.

Nachdem Wilhelm Rimpau das Gut übernommen hatte, setzte bald ein stürmischer wirtschaftlicher Aufschwung ein. Wohnungen waren allerdings schon vorher knapp gewesen. So mußte die Gemeinde den zuziehenden Landarbeitern mit „Baugrund“ aushelfen. Elf Wohnungen wurden damals in den Quadersandstein getrieben. Die meisten bestanden aus einem Wohnraum, einer Küche, einem Vorratsraum und zwei Schlafräumen. Auch diese Höhlenwohnungen waren bis Anfang dieses Jahrhunderts bewohnt. Ihr letzter Bewohner, der Leierkastenspieler Ludwig, genannt „Ludjen“ Schmidt, starb 1910. Seitdem dienten auch die Höhlenwohnungen in der Höhlenstraße nur noch als Vorratsräume, Stallungen oder Luftschutzkeller. Erst seit kurzem ist wenigstens eine dieser Wohnungen wieder für Besucher zugänglich. Wenn die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bewilligt wird, soll noch in diesem Sommer mit der Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Innenausstattung begonnen werden. Inmitten eines Wohngebietes gelegen, hoffen die Initiatoren, daß diese Höhlenwohnung wesentlich besser als jene an der Altenburg vor Vandalismus geschützt sein wird.

Außer den Höhlenwohnungen an der Altenburg und auf dem Schäferberg hat es einst noch zahlreiche weitere Höhlen gegeben, die zumindest zeitweilig Wohnzwecken dienten. Von der Wilhelmshöhe wird sogar von Höhlenwohnungen berichtet, die sich über zwei Stockwerke erstreckten und lange Zeit von der Wachmannschaft eines nahegelegenen Wachturmes bewohnt worden sein sollen. Bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts sind sie jedoch einem Steinbruch zum Opfer gefallen. Eine weitere Höhlenwohnung, über deren Bewohner aber nichts bekannt ist, befand sich in den Steinbergen. Bekannt ist dagegen das Schicksal vieler KZ-Häftlinge, die vom Frühjahr 1944 bis zur Befreiung im April 1945 im Außenlager Langenstein-Zwieberge des KZ Buchenwald eingepfercht ein 17 Kilometer langes unterirdisches Hallen- und Stollensystem für die Junkerswerke und die V-Waffen-Produktion in die Thekenberge schlagen mußten. Von den über 10 000 Insassen haben keine 3000 dieses Schreckensjahr überlebt.

Veröffentlicht 1995

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