Neue alte Pracht für Pilsen.
Die Stadt des berühmten Bieres feiert ihren 700. Geburtstag.
Als 1648 der 30jährige Krieg zu Ende ging, wurden in Pilsen zwar noch 26 Brauereien gezählt, doch von Braukunst konnte keine Rede mehr sein. Seitdem König Wenzel II. der Stadt 1295 das Stadtrecht und 260 seiner Bürgern das Braurecht verliehen hatte, wurde hier das edle Getränk gebraut. Was aber jetzt die Brauereien verließ, war zum Genuß kaum noch geeignet. Statt böhmischen Bieres wurde deshalb zunehmend Gerstensaft aus Bayern verlangt. Erst als 1842 die neu erbaute Bürgerliche Brauerei ihren Betrieb aufnahm, konnten sich böhmische Biere den Markt zurückerobern. Bis heute wird dort das berühmte Pilsener Urquell gebraut.
Einen tieferen Einblick in die wechselvolle Geschichte des Pilsener Brauwesens bietet das Brauereimuseum, das 1959 in einer ehemaligen Mälzerei eröffnet wurde. Wie das Pilsener Urquell heute hergestellt wird, können auch Einzelbesucher auf Führungen durch die Urquell-Brauerei erleben. Zum Abschluß bietet sich dann ein Besuch in der Brauerei-eigenen Bierhalle „Na spilce“ oder bald auch wieder in der legendären Bierstube „Zu den Salzmanns“ an. Mitte der siebziger Jahre wegen Baufälligkeit gesperrt und später teilweise eingestürzt, soll die Bierstube in der Prazská ulice noch in diesem Jahr wiedereröffnet werden.
Wohin der Besucher seine Schritte auch lenkt, überall stößt er auf Baustellen, denn Pilsen feiert in diesem Jahr seinen 700. Geburtstag. Ihren Höhepunkt sollen die Feierlichkeiten im Juni mit der Inszenierung des Historienspektakels „Die Hussiten von Pilsen“, Ritterturnieren, Handwerkermärkten und einem historischen Festumzug erleben.
Vor allem am früheren Marktplatz, dem heutigen Platz der Republik, zeigen sich viele mittelalterliche Bürgerhäuser bereits wieder in alter Pracht. Dominiert wird der Platz von der mächtigen gotischen Bartholomäuskirche, von deren Turm sich dem Besucher ein weiter Rundblick über Pilsen eröffnet, und dem prachtvollen, mit reichem Sgraffitoschmuck geschmückten Renaissance-Rathaus. Im barocken Skribonius-Haus wohnte im Januar 1634 Wallenstein und verhandelte mit den kaiserlichen Unterhändlern. Als das schönste und wertvollste Barockhaus der Stadt gilt die Erzdechantei. Überhaupt nicht mit der mittelalterlichen Randbebauung harmonieren will allerdings der Asphaltüberzug, den die Stadtväter dem Marktplatz verordnet haben.
Selbst viele Pilsener wissen nicht, daß in ihrer Stadt einige der schönsten Jugendstilhäuser Böhmens errichtet wurden. Mit seinen blauen und weißen Fliesen ist das Jugendstilhaus in der Veleslavinova ulice kaum zu übersehen. Böhmens erstes und zugleich eines der schönsten Jugendstilhäuser steht in der ulice Bedricha Smetany. Erst vor kurzem restauriert wurde das Jugendstilhaus in der Dominikánská ulice.
Obwohl überall gebaut wird, läßt sich nicht von heute auf morgen nachholen, was über Jahrzehnte versäumt wurde. Gerade erst begonnen hat die Restaurierung des Gerlach-Hauses. Mit seinen spätgotischen und barocken Elementen gehört das 1575 im Renaissance-Stil umgebaute Wohnhaus des Komponisten Jan Gerlach zu den interessantesten Häusern der Stadt. Bereits seit Jahren restauriert wird das der Westböhmischen Galerie zugedachte Renaissance-Haus in der Prazska ulice. Ebenfalls seit langem restauriert wird das imposante Gebäude des Westböhmischen Museums.
Andere historische Gebäude müssen dagegen weiter auf ihre Instandsetzung warten, wie auch das älteste Haus Pilsens in der Zbrojnická ulice. Sein frühgotisches Gewölbe wird von Historikern auf das ausgehende 13. Jahrhundert datiert. In einem deprimierenden Zustand zeigt sich ebenfalls die Malá ulice, die einzige in Pilsen erhaltene mittelalterliche Gasse. Nur noch eine Ruine ist die ehemalige Synagoge unweit des Hotels Slovan. Erst 1859 errichtet, wurde sie bereits 1892 zugunsten der neu errichteten, heute ebenfalls ihrer Restaurierung harrenden Großen Synagoge aufgegeben.
Veröffentlicht 1995
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